Interview: Schmeichel (Defrostatica, Leipzig)

Heute erscheint die zweite EP des Leipziger Produzenten Schmeichel auf (dem ebenfalls in Leipzig beheimateten) Defrostatica Records. Auf der Mana, Focus & NoBreakfast EP  exploriert Schmeichel erneut auf fünf Tracks mit den souligen und tiefgehenden Klängen des Footwork Sounds und vermischt sie mit ganz eigenen Einflüssen. Grund genug für mich mit ein paar Interview Fragen beim Künstler selbst und Tina und Booga vom Label nachzuhaken, wie es zu der EP kam und was die Gedanken zum Release, Vinyl und dem Soundspektrum um die 160 BPM sind.

 

Wann hast du mit dem Produzieren von (elektronischer) Musik begonnen?

Schmeichel: Das war ein fließender Übergang und hat sich immer weiter “elektrisiert”. 2010 gab mir mein damaliger Bandkollege eine Roland SP 404 zum zum integrieren. Ich habe dann unser ganzes Album damit produziert und mich krass verknallt in dieses Spielzeug und nutze das Gerät noch immer für meine Sets und im Studio.

Dann direkt unter dem Alias “Schmeichel”? Wie kamst du eigentlich auf den Namen?

Schmeichel: Der Name Schmeichel kam mir 2011 zugefallen und ist auf die EM 1992 zurückzuführen, als Peter Schmeichel gegen Deutschland stabil seinen Kasten verteidigen konnte. Ganz klar Vorbildfunktion für mich.

Wie bist du in Kontakt mit Robert und Tina und Defrostatica gekommen?

Schmeichel: Ich glaub Tina hab ich bei den OverDubClub Partys in der Distillery kennengelernt. Sie betreute die Veranstaltungen, die mich angesprochen haben und dadurch sind wir dann immer mal ins Gespräch gekommen. Da sie auch aus Thüringen kommt hatte man dann nochmal mehr Gesprächsstoff. Robert lernte ich in seinem damaligen Büro kennen und habe von ihm zwei Kator – Get Stacked Platten gekauft. Ich wollte Versand sparen und hab dadurch die zwei Scheiben von ihm direkt abgeholt.

Booga: Tina, mit der ich das Label betreibe, hat Schmeichel entdeckt. Er gehört zum Vary Plattenladen Umfeld in Leipzig gewissermaßen, er hat sein Studio auch dort. Tina hat als Vary-Stammbesucherin gecheckt, dass er auch produziert, mit ihm öfters gequatscht und dann hat’s nicht lange gedauert bis wir Demos von ihm bekamen. Schmeichel bringt eine ganz eigene Klangfarbe ins Label Kaleidoskop. Er hat die Fähigkeit, den Kern einer Idee nicht einfach ins Schaufenster zu klatschen, sondern die Zuhörer neugierig auf eine Entdeckungsreise zu den Diamanten im elektronischen Geäst zu machen. Wie er sich auf dem 160 bpm Kontinent bewegt ist unvergleichlich, niemand verbindet Soul, Space und Spice so zu diesen Tracks wie er. Darin war ich mir mit Tina von Anfang einig.

Klingt nach einem großen Vorteil wenn Künstler*innen und Labelbesitzer*innen in der gleichen Stadt wohnen und denselben Plattenladen besuchen…

Booga: Der Vorteil liegt in einer intensiveren Bindung und dem gemeinsamen Erleben von Musik und Rausch. Wir können mit den Leipzigern ganz anders schwingen als mit Agzilla aus Island, Kiat aus Singapur oder Sinistarr aus Detroit – auch wenn wir ständig digital im Kontakt sind und wir das auch mal mit denen machen wollen! Die 160 bpm Bewegung ist jedoch eine globale Sache: Es ist absolut ideal, dass wir mit Detroit’s Filthiest jemanden haben, der als Ghettotech Pionier die Leute zu den musikalischen Wurzeln führen kann. Ohne den Sound aus Detroit, Chicago und später London würden wir das Label nicht betreiben. Wir können das hier in Leipzig in Gesprächen am Tag und beim Tanzen nachts besser verweben, aber wenn unser Künstler wie zum Beispiel BSN Posse hier bei uns spielen, dann trennt uns nur das Spanische… :D Beides ist wichtig: der Sound der Metropolen und die lokale Eigenentwicklung. Das Ideal ist der Brückenschlag.

War direkt klar, dass nach deiner ersten EP auf Defrostatica noch eine zweite folgen würde?

Schmeichel: Ich glaub von Anfang an war das nicht klar, da mein Sound schon irgendwie heraussticht aus der sonstigen Klangästhetik von Defrostatica. Robert war am Abend der “Alteration EP” Releaseparty 2018 im Mjut aber kaum zu bremsen und hat gleich von einem Album geprochen. Die “Mana, Focus & NoBreakfast EP” ist das was auf dem Weg zur Produktion des Albums entstanden ist, jedoch eine eigene Geschichte erzählt und daher nicht auf das Album passt. So zumindest meine Einschätzung.

 

Booga: Fans von Schmeichel ist der Zusammenhang mit anderen Künstlern auf Defrostatica sicher nicht das Wichtigste. Sie wollen vor allem sehen, was er als nächstes zaubert. Das Live-Set zur Release-Feier im Mjut hat mich umgehauen und das ging nicht nur mir so. Es war klar, dass wir ihn weiter unterstützen werden. Wobei die Unterstützung mehr ins Organisatorische als ins Künstlerische geht: er hat klare Vorstellungen von seinem Sound, das ist seine Welt. Wir helfen marginal mit Feedback, Mastering, Foto-Session, Pressetext, Marketing und natürlich der Plattenherstellung. Der nächste Schritt ist jetzt die “Mana, Focus & NoBreakbeat” EP. Es kommt ein Live-Auftritt in der Pracht am 28.11. in Leipzig hinzu. Wir hoffen, dass wir ihm zu mehr Auftritten verhelfen können im nächsten Jahr. So gesehen ist das eine gegenseitige Unterstützung, die auf Vertrauen und Zeit baut. Dann gibt es auch mehr von Schmeichel bei uns auf Platte.

Wie bist du mit Footwork in Berührung gekommen?

Schmeichel: Ich habe irgendwann durch einen Sampler SELA kennengelernt. Das muss so 2013/2014 gewesen sein. Seinen Sound finde ich bis heute interessant. Er brachte damals die Crack Reihe heraus, eine Compilation mit Footwork Tracks aus den letzten 10 Jahren unter anderem auch mit RP Boo, DJ Rashad und allen anderen Chicago Footwork Produzenten. Woher er die Tracks hatte, weiss ich nicht. Irgendwie muss es irgendwann auch Ärger gegeben haben, da die Links irgendwann einfach gelöscht waren. Die Compilations haben mir Footwork schmackhaft gemacht und mir den Zugang gegeben.

Mit deinen Tracktiteln spielst du ja (in)direkt auf Chicago Footwork an (Sampleaussage/name=Tracktitel), ist es deine Art Hommage an das Genre?

Schmeichel: Weniger Hommage würde ich sagen. Was bei mir da entsteht ist schon was sehr persönliches und hat auch irgendwie immer was mit meinen Situationen zu tun. Beispielsweise die erste Nummer Feel auf der neuen EP heisst so, weil ich da gerade vom Feel Festival wiederkam und mich einfach gerade danach gefeelt habe. So entstehen die meisten Titel. Ein bisschen etwas aus SampleSchleifen, die ich wahrnehme und meiner eigenen Situation während ich produziere. 

Wo wir gerade bei Titeln sind, was bedeutet “Mana, Focus & NoBreakfast” ?

Schmeichel: Hehe. Eigentlich ganz einfach. Das ist mein Modus. 

Dein Fusion Set von diesem Jahr war ziemlich divers genretechnisch, ich mag sowas sehr, habe aber das Gefühl Menschen wollen immer alles mehr in Schubladen haben. Denkst du solche genreübergreifenden Sets oder Line Ups überfordern manchmal?

Schmeichel: Genre Grenzen behindern mich beim arbeiten am Sound. Bei mir geht es um Moods, Stimmungen und Erzählungen. Da will ich mich nicht einschränken lassen und versuche auch Musik, die ich höre als die Musik wahrzunehmen und nicht als HipHop, Ambient und Club Music. Ich bekomme meist ein gutes Feedback wenn ich genreübergreifende Sets spiele. Bemerke aber auch, dass Menschen gern in Schubladen stecken und auch die Frage naheliegt “WAS machst du für Musik?”. Allerdings finde ich es schade, dass wir uns da auch selbst die Spannung nehmen die Musik wirklich für uns selbst zu entdecken.

Siehst du dich mit deinem Sound in einer Nische? Frustriert das manchmal?

Schmeichel: Klar. Wenn ich das Große Ganze betrachte dann ja. Wenn ich mich auf meinen Sound konzentriere, dann befinde ich mich im Prozess / Fluß. Das ist angenehmer. 

In Zeiten von Nachhaltigkeit und Klimawandel muss man ja zwangsweise über Plastikkonsum nachdenken. Wie stehst du zu Vinyl (dessen Produktion ja große Mengen an Ressourcen benötigt)? Hast du eine große Vinyl Sammlung zu Hause?

Schmeichel: Das ist eine gute Frage. Die muss jede/r MusikkonsumentIn für sich beantworten. Ich komme oft an den Punkt, dass ich sage, ich kauf kein Vinyl mehr. Zwei Wochen später höre ich irgendwas und kauf’ mir die Scheibe. Ich habe relativ viele Platten und bin irgendwie schon Junkie. Wenn mir ein Sound richtig richtig gut gefällt brauch’ ich irgendwie die dazugehörigen Rillen. Ich träume aber auch gern von einem plastiklosen Haushalt. Beides steht sich leider im Weg. Was mir jedenfalls deutlich auffällt, dass ich Musik von einer Scheibe anders wahrnehme als die in einem Ordner gespeicherten Files.

 

Unten könnt ihr in seine neue EP reinhören und sie bei Bandcamp dann auch kaufen, gemeinsam das Release feiern könnt ihr am 28.11. im Leipziger Pracht.

3 comments

  1. Pingback: Artists we like: Schmeichel | fonia.fm

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